Herzklopfkino

Nachdem Madame Mimieux a.k.a. Shoshanna, die Entflohene, beim Buchstaben an ihr Kino hängen von Nazis abgeholt wird und an einen für den Zuschauer in diesem Moment noch unbekannten Ort verfrachtet wird, beginnt mein Herz wie verrückt zu „pöpperle“.

Es wird nicht das letzte Mal sein in den nächsten zehn Minuten.

Umso erstaunlicher also, dass das nächste Szenenbild keine mickrige Gefängniszelle oder einen schummrigen Bahnhof darstellt, sondern eine sehr edle Tischgesellschaft. Vielleicht nicht mehr ganz so edel, wenn der gelbe, fette Schriftzug einem klar macht, dass die Kamera gerade „Dr.“ Joseph Goebbels umkreist hat. Shoshanna, wie wir noch ungewiss über die ganze Situation, wird über sitzende Köpfe hinweg, zum feinsten Tisch des Restaurants geführt, wo sie schon sehnlichst von Frederick Zoller erwartet wird. Nahaufnahmen aller Beteiligten (ausser Zoller natürlich) zeigen, dass irgendwie alle etwas Komisches in der Luft spüren. Gerede, bis irgendwann klar ist, das die Mimieux gar nicht in Gefahr ist, sondern man (Zoller) ihr Kino als Aufführungsort der Premiere des Nazipropagandafilms „Stolz der Nation“ gewünscht hat.

Äusserst unangenehm für die Jüdin Shoshanna, Aufatmemoment für den Zuschauer.

Weiteres Gerede, vor allem auf Deutsch. Mitten im Gespräch ein Ruf von Goebbels:“Ah Landa! Da sind sie ja!“ Zum ersten Mal startet eine Hintergrundmusik, ein Trommelschlagen, zum zweiten Mal schlägt mein Herz schneller. Landa bückt sich von oben in die Halbnahe die auf die sitzende Shoshanna fokussiert ist und küsst ihre Hand. Mein Herzschlag verdoppelt sich ein weiteres Mal. Ein Flashback zu Shoshannas Flucht. „Au Revoir, Shoshanna!“

Landas Stimme hat keine Zeit abzuhallen, wir sind schon wieder im hier und jetzt. Goebbels verabschiedet sich, Shoshanna will ebenfalls aufstehen, wird aber von einer Hand zurückgehalten. Landa. Nur Shoshannas Gesicht, ihre versteckte Besorgnis, ist zu sehen, während Zoller abklärt, weswegen sie denn noch genau sitzen bleiben müsse.

Die folgende Szene erinnert wieder stark an die Anfangssequenz des Filmes. Landa nimmt sich heraus, für sich und die Dame zu bestellen, und wählt als Getränk für Shoshanna ausgerechnet ein Glas Milch. Herzrasen verdreifacht. Shoshanna sieht ihm nicht gerne in die Augen. Fast schon nervig, diese Bevaterung des Nazi-Soldates. Nicht essen bevor die Schlagsahne kommt. Will Fakten wissen, die er schon weiss.

asdfghj

Während sie von ihrer (nicht ganz so wahren) Vergangenheit erzählt, wird ständig zwischen ihrem nervösem Gesicht und dem fröhlich schlemmenden Bild des Nazis gewechselt. Doch sobald nicht mehr sie, sondern ihr geheimer Liebhaber/Mitarbeiter in ihrem Kino das Gesprächsthema ist, verhärtet sich ihr Blick. Da er schwarz ist, soll nicht er, sondern Madame Mimieux den Projektor während der Premiere bedienen. Trauer, oder wahrscheinlicher Abscheu ab der hartnäckigen Diskriminierung von Landa lässt sich in ihrem Gesicht lesen. Als sich seine Miene, nachdem er Shoshanna eine DEUTSCHE Zigarette angeboten hat, verfinstert, steigt mein Puls wieder. Zu meinem Glück (und meiner Gesundheit zu Liebe) das letzte Mal in dieser Sequenz. Es gäbe noch etwas weiteres, dass er sie fragen wolle. Shoshannas Gesicht, ganz nah, zitternd hält sie die Zigarette. Wieder eine Parallele zum Anfang. Während dem Rauchen wird man von Landa mit einer schlechten Nachricht überrascht.

giphy

Einige Sekunden sieht man Landas Gesicht in Grossaufnahme, unbewegt, bis er sich aus der Starre löst und die Stille mit einem „aber ich kann mich gerade bei bestem Wille nicht daran erinnern“ durchbricht. Es war wohl nicht so wichtig.

 

Die Zigarette noch nicht fertig geraucht, steckt er sie prompt in seinen noch nicht fertig gegessenen Strudel und verabschiedet sich von Shoshanna mit Handkuss, ohne dass wir Zuschauer sein Gesicht noch zu sehen bekommen. Kaum sind seine Schritte verklungen, bricht Shoshanna in Tränen aus.

egdfv

Advertisements

3 Kommentare zu „Herzklopfkino“

  1. Sie verstehen es sehr gut, die entscheidenden emotionalen und visuellen Momente dieser Sequenz zu vereinigen und so nachzuerzählen, dass man den Film vor seinem inneren Auge nochmals mitverfolgt. Sie bringen also alles Spannungsmomente sehr gut auf den Punkt. Sie schreiben eher fürs Feuilleton als für ein Fachpublikum, wie Céline bereits feststellte, und meiden die neuen Begrifflichkeiten überraschend offensichtlich. Doch abgesehen davon zeigen Sie sich sprachlich sehr beweglich und prägnant …
    und –fast! – immer korrekt: ›Aufatmemoment?‹ ›Pöpperle?‹ ›Bevaterung des Nazisoldates?‹ – Excuse me? 😀

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s